Sozialisation & Gesellschaft

Menstruieren und dem Staat dienen. Passt das zusammen?

Im Mai 2021 habe ich schon einmal von diesem Thema gesprochen. Heute möchte ich es nochmal aufgreifen, um entstandene Gerüchte und Vorwürfe an mich offiziell richtigzustellen. Und weil es Zeit ist, Menstruation zu enttabuisieren, statt sie zum Karriererisiko zu machen.

 

Teil I — Der Gegenwind

Damals, als noch verbeamtete Lehrerin an einer Gesamtschule, habe ich auf Instagram Beiträge über den Menstruationszyklus geteilt. Was folgte, war Gegenwind. Viel Gegenwind.

Vor allem von Kolleg_innen und Freund_innen aus meiner Heimat, die sich für das Thema und für mich schämten. Die einprägsamsten Sätze: „Jetzt dreht sie wirklich völlig ab.“ „Es wird nicht leicht für dich, du hast viel verbrannte Erde hinterlassen.“

Aber ich bekam auch Rückenwind. Von Eltern der Schüler_innen, die dankbar waren, dass jemand auf dieses schmerz- und schambehaftete Thema aufmerksam macht. Von einzelnen Kolleg_innen, die sich von den meisten Stimmen im Kollegium mutig abgrenzten und mich feierten. Von wahren Freund_innen und meiner Kernfamilie, die voll hinter mir standen, auch wenn einige darunter selbst Schamgefühle dabei empfanden. Und von meinen Followern auf Instagram, die sich regelmäßig bei mir bedankten, dass ich der Scham und der Tabuisierung entgegenwirke.

Ich bin immer bereit, genau das anzunehmen und genau damit weiterzuarbeiten, was kommt. Gegenwind macht mich lebendig. Und ich hatte bei dem Thema Menstruation als Tabuthema damit gerechnet. In antizipierter Vorfreude, wenn ich ehrlich bin. Womit ich nicht gerechnet hatte: die Einbestellung zu einem Dienstgespräch in die Bezirksregierung.

Das Dienstgespräch fand ohne Personalrat statt, was ich einerseits bereue, andererseits als wertvoll empfinde, weil ich so, alleine, das Ausmaß dieser Erfahrung voll ausschöpfen konnte. Ich bin zu dem Termin gegangen, ohne zu wissen, was mich erwartet. Nur: „…aufgrund Ihres dienstlichen Verhaltens.“

 

Teil II — Das graue Gebäude

Bei der Bezirksregierung angekommen, erwartete mich ein graues altes Gebäude, das kalt und hierarchisch auf mich wirkte. Zwei Herren im Flur, die mich beim Vorbeigehen anschauten, lediglich, um vermerken zu lassen: Wir haben dich gesehen. Nach einigen Minuten: eine kurze Aufforderung mit dem Finger. Komm rein. Die jungen Protokollantinnen waren auf einer Seite platziert. Die beiden Männer aufgeteilt, einer links, einer rechts von mir.

Bei der kurzen Vorstellungsrunde erwähnten sie ganz beiläufig, zum ersten Mal, meine noch laufende Probezeit. Das fand ich spannend. Dann vermischten sich folgende Themen: Meine Probezeit. Mein Auftreten auf Instagram, bei dem ich versuchte die Menstruation zu enttabuisieren. Ich als „Dienerin des Staates.“ Und – ich verarsche euch nicht – der Dienstherr (auch bei dem Namen verarsche ich euch nicht, „es“ nennt sich bis heute „Dienstherr“) hatte all meine Instagram-Beiträge mit farbigen Markierungen ausgedruckt vor sich liegen. Darüber schmunzle ich aus zweierlei Gründen: Zum einen ist es schlicht absurd, dass ich von einer Behörde aufgrund von Menstruationsinhalten, noch dazu im außerdienstlichen, privaten Raum, kontrolliert und dafür gemaßregelt werde. Zum anderen spiegelt es so herrlich deutlich den Stand der Digitalisierung in unserem deutschen Bildungssystem wider.

Also. Mir wurde erläutert, dass die Dinge, die man im Internet teilt, öffentlich zugänglich sind und auch dort bleiben. Dass es bestimmte Dinge gibt, die man privat ausleben sollte. Dass man als Beamtin im Rahmen der Vorbildfunktion gewisse Vorgaben einzuhalten habe. Die gröbsten kenne ich auch. Also zum Beispiel kein Rassismus, keine Gewaltdarstellungen, keine Übergriffe, keine Nacktheit aber mit dem Tabu über die Menstruation zu brechen?

Dann wurde die Frage meiner Zurechnungsfähigkeit und Rollenklarheit plötzlich in den Raum gestellt.

 

 

Teil III — Das naive Mädchen

Ich wurde von den beiden Männern gefragt, ob ich als Lehrerin die Konsequenzen meines Handelns richtig einschätze. Dass so eine Thematik Aufsehen errege und Leute verärgere, und ich das doch sicher nicht wollen würde. (Ich erinnere: Es geht um Menstruation) Ich hätte viel verbrannte Erde im Kollegium hinterlassen. Schüler_innen hätten den Respekt vor mir verloren. Es würde nicht leicht für mich, wieder ordentlich Fuß zu fassen.

Und was mich bis heute begleitet: diese beiden Dienstherren schenkten mir Blicke und eine Tonlage des Mitleids, als sei ich tatsächlich ein naives Mädchen, dem nur daran gelegen ist, ein bisschen über ihre Menstruation zu reden und Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Wir sehen, dass es Ihnen wichtig ist, sich darüber auszutauschen und über Ihre Erfahrungen zu sprechen.“ Es sei nur vielleicht besser, das mit Freunden und Familie zu tun. Das wäre doch bestimmt schon hilfreich, oder? Der Stress, der so ausgelöst würde, sei sicherlich auch nicht förderlich für mein persönliches Wohlergehen und es wollten doch alle, dass ich gesund bleibe. Sie bräuchten mich ja auch.

Daraufhin wurde ich von diesen beiden Herren gebeten, meinen Instagram-Account auf Privat zu stellen. Ein klares Verbot wäre rechtswidrig gewesen, daher wurde lieber hier und da immer wieder subtil auf meinen Status der Probezeit angespielt.

Ich habe damals mit einem Anwalt und verschiedenen Gewerkschaften gesprochen. Der Anwalt hätte Freude daran gehabt, mich zu beraten und zu verteidigen. Gewerkschaften wollten mich als Gallionsfigur und die Geschichte publik machen. Aber es war damals noch nicht an der Zeit für mich.

Denn hier steckt der schmerzbehaftete Teil: Ich fühlte mich von dieser Situation völlig überwältigt. Ich bin ein loyaler Mensch und hatte nie im Sinne, die Schule und ihren Ruf – die damit verbundene Schülerschaft und meine geschätzten Kolleg_innen – in Mitleidenschaft zu ziehen.

Ich bin in dem Gespräch zwar in die Metaebene gestiegen, habe das Ganze von oben betrachtet und innerlich gegrinst, war stolz auf meinen Mut, und gleichzeitig war ich fassungslos und schockiert darüber, was da eigentlich passiert.

P.S. Die beiden Dienstherren haben während des gesamten Gesprächs nicht ein einziges Mal das Wort „Menstruation“ gesagt. Sie haben Wege gefunden, die eigene Scham nicht beim Namen zu nennen.

 

Teil IV — Was ich verstanden habe

Ich habe mich lange dafür verurteilt, dass ich nicht schlagfertiger war. Während des Gesprächs sind mir die sprachlichen Manipulationen aufgefallen. Ich konnte wie im Bilderbuch durch eine sprachliche Analyse verstehen, was ich da gerade mit mir machen ließ. Emotionale Erpressung. Angstmacherei. Machtmissbrauch.

Bei diesen alten Strategien braucht es in der Regel nur zwei, drei klare Sätze und die beiden wären ausgeknockt gewesen. Aber so souverän war ich in dieser Situation noch nicht. Das ist das Einzige, was ich heute anders machen würde.

Und nun die Richtigstellung für alle, die Gerüchte gehört haben oder sich gefragt haben, was damals wirklich war:

Ja, ich wusste und weiß, was ich tue.

Ja, ich bin damals bewusst in die Höhle des Menstruationstabus gegangen, weil ich Aufklärung liebe und Menstruation enttabuisieren will. Und weil es Wahnsinn ist, wie schambesetzt dieses Thema in der heutigen Zeit noch ist. Weil Frauen sich für ihren eigenen Körper schämen. Sich wünschen, keinen „unreinen Zyklus“ mehr zu haben. Nicht mehr zu bluten.

Ja, ich war darauf vorbereitet, dass Schüler_innen mir skurrile Dinge hinterherrufen würden und ich habe mich darauf gefreut, mich umzudrehen und mit der Aufklärungsarbeit zu beginnen. Denn das ist mein Job als Lehrerin.

Nein, ich wurde nicht gekündigt, das stand auch nie im Raum.

Ja, ich habe mich aus dem Beamtentum befreien lassen und nach reiflicher Überlegung in Ruhe selbst gekündigt, entschlossen und sorgfältig bedacht.

Nein, nicht wegen dieser Situation. Ich bin ein Freigeist und vertrete andere Werte als die unseres deutschen Schulsystems. Diese Situation hat das alles aber ad absurdum geführt und es mir leichter gemacht.

Ja, ich war und bin zurechnungsfähig. Ich habe sogar eine außerordentlich feine Wahrnehmungsgabe, gepaart mit Mut und einem ausgedehnten Gerechtigkeitssinn.

Ja, ich wusste vom Konfliktpotenzial im Kollegium. Und ich habe es trotzdem getan.

Ja, ich vermisse meine Schüler_innen schmerzhaft. Als Politik- und Religionslehrerin vermisse ich die Aha-Momente der Kinder, wenn wir von Hass zu Liebe switchen. Das war in der Regel, wie es sich entwickelt hat, bei Themen wie mein Land/dein Land, Ich/Du, mein Gott/dein Gott, Geschlechteridentität, Flucht, Krieg. Das vermisse ich von Herzen.

Alles andere? Kein Stück.

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Nikola Kattner
Pädagogin, Breathwork-Trainerin, Sportwissenschaftlerin
29. September 2026 Min. Lesezeit
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