Körperbewusstsein & Verkörperung
Wir beobachten den Rechtsruck mit Sorge und reagieren selbst immer häufiger mit moralischer Überheblichkeit statt mit echter Auseinandersetzung. Während wir über Gendern streiten, dürfen Mädchen in Teilen der Welt keine Bildung erfahren und werden Zwangsverheiratet. Wir verlangen Aufrichtigkeit und bestrafen Menschen, wenn sie etwas sagen, das wir nicht hören möchten.
Wir sehnen uns nach Entschleunigung und echter Verbundenheit, greifen aber nach dem Handy und Social Media, sobald zwei Minuten Stille entstehen. Wir reden über mentale Gesundheit und bewundern Menschen, die sich bis zur Erschöpfung aufopfern. Wir wünschen uns Intimität und Nähe und sprechen mit unserem Partner seit Jahren kein friedvolles Wort mehr.
Zwischendurch bringen wir den Müll raus, kaufen Zahnpasta und überlegen, was wir kochen. Wir fahren fünf Minuten mit dem Auto, weil es regnet.
Wir meinen es gut. Wir alle. Und trotzdem.
Und während all das geschieht, schreibe ich immer wieder über Dankbarkeit, über die Schönheit des Lebens, über die Natur, über Achtsamkeit. Manchmal frage ich mich selbst, ob das überhaupt angemessen ist.
Es ist nicht leicht, mit Unsicherheit und Ungerechtigkeit zu leben. Ich habe etliche Therapiesitzungen gebraucht, weil ich das Gefühl hatte, an meinem Weltschmerz und meiner Ohnmacht zu ersticken.
Ich habe meine Staatsarbeit über Populismus geschrieben. Ich habe in Notunterkünften für geflüchtete Menschen Sport angeboten. Ich habe mich in politischen Diskussionen bis an meine Belastungsgrenze gebracht. Ich habe in meinem Religions- und Politikunterricht Aufklärungs- und Antidiskriminierungsarbeit gemacht. Ich habe auf Feiern meinen Mund aufgerissen, wenn Menschen angegriffen wurden. Ich habe diskutiert, vermittelt, versucht zu verstehen.
Ich habe das gemacht, weil ich zeigen wollte, dass mir Menschen nicht egal sind, dass mir Schicksale nicht egal sind,dass mir Details nicht egal sind. Vielleicht auch, weil ich mein eigenes Gewissen beruhigen wollte.
Und jetzt habe ich noch immer keine Lösung. Und das halte ich aus.
Früher hätte ich das nicht gekonnt. Ich hätte das Gefühl gehabt, ständig noch mehr tun zu müssen. Noch mehr wissen zu müssen. Noch mehr Haltung zeigen zu müssen.
Heute merke ich etwas anderes: Wenn ich dauerhaft im Stress des Weltgeschehens feststecke, werde ich nicht handlungsfähiger. Ich werde tauber.
Nachrichtenstress entsteht nicht nur durch eine einzelne Schlagzeile. Er wächst mit der dauernden Verfügbarkeit von Krisen, Bildern, Meinungen und Empörung. Mein Nervensystem unterscheidet irgendwann nicht mehr zwischen einer unmittelbaren Gefahr und der nächsten Nachricht auf dem Display.
Mein Körper bleibt angespannt. Mein Brustkorb wird eng. Mein Puls steigt. Und obwohl ich glaube, besonders wach zu sein, verliere ich genau das, was ich eigentlich bewahren möchte: Klarheit. Mitgefühl. Die Fähigkeit, einem Menschen vor mir wirklich zu begegnen.
Und wenn ich wirklich still werde, nehme ich nicht nur Schmerz wahr. Ich nehme auch etwas anderes wahr.
Den Wind. Das Lachen eines Kindes. Die Wärme der Sonne auf der Haut. Einen fremden Menschen, der einem anderen die Tür aufhält. Einen Vogel, den ich gestern noch überhört hätte. Eine Welt, die trotz allem voller Liebe, Güte und Schönheit ist.
Beides existiert gleichzeitig.
Vielleicht besteht die Herausforderung nicht darin, nur das eine oder nur das andere zu sehen. Sondern beides auszuhalten, ohne sich dabei selbst zu verlieren.
Und genau deshalb meditiere ich.
Schließe für einen Moment die Augen.
Lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Körper. Wie sitzt oder stehst du gerade? Gibt es Anspannung? Gibt es Leichtigkeit? Nimm einfach wahr, was da ist, ohne etwas verändern zu wollen.
Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Spüre, wie die Luft ein- und wieder ausströmt. Wie sich dein Brustkorb hebt und senkt. Wie dein Körper ganz von selbst weiteratmet.
Lausche den Geräuschen um dich herum. Vielleicht hörst du Stimmen, Wind, Vögel oder einfach Stille. Du musst nichts bewerten. Nur hören.
Wende dich nun deinen Gedanken zu. Vielleicht tauchen Bilder auf. Erinnerungen. Pläne. Sorgen. Freude. Lass alles kommen und wieder gehen. Halte nichts fest.
Bleib noch einen Moment sitzen.
Nimm einfach wahr.
Mehr musst du gerade nicht tun.
Wenn du soweit bist, öffne langsam die Augen. Schau dich um. Strecke dich.
Vielleicht gehst du jetzt mit etwas mehr Ruhe zurück in deinen Tag.
Deine Nikola
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„Wir alle tragen eine ungezähmte, unerschütterliche Kraft in uns. Doch den Zugang zu ihr haben wir viel zu lange verschüttet. Zeit, ihn wieder freizusprengen.“
Nikola
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