Sozialisation & Gesellschaft

Frauenrechte sind keine Selbstverständlichkeit

Ich kann allein reisen. Ich kann studieren. Ich kann ein Unternehmen gründen. Ich kann entscheiden, ob ich Kinder haben möchte. Ich darf meine Meinung öffentlich sagen, laut, unbequem, ohne Erlaubnis. Keine dieser Freiheiten ist selbstverständlich. Es sind Frauenrechte, für die andere gekämpft haben.

Und weißt du, was mich manchmal wirklich fertig macht? Dass unsere größten Probleme (die meiner Generation, meines Umfelds, meiner Kundinnen) oft nicht die sind, dass wir diese Freiheiten nicht haben. Sondern dass wir uns nicht trauen, sie zu leben. Dass wir frei sein dürfen und es trotzdem nicht nutzen. Dass wir uns selbst in goldene Käfige sperren, für die längst kein Schloss mehr existiert.

Das macht mich nicht wütend, sondern traurig. Und gleichzeitig auch tief, tief dankbar. Denn ich verdanke diese Freiheit Frauen und Kämpfer_innen, die ich nie kennenlernen werde.

 

Frauenrechte wurden erkämpft, nicht geschenkt

Frauen, die sich geweigert haben zu schweigen, als Schweigen erwartet wurde. Die für Bildung, Wahlrecht, Selbstbestimmung und Würde gekämpft haben, oft ohne zu wissen, ob sie den Sieg noch erleben würden.

Mein Leben ist unter anderem das Ergebnis dieser Menschen. Ohne ihre Kraft und Energie, ohne ihren Mut und ihre Weigerung, sich anzupassen, könnte ich heute nicht so leben, wie ich es tue. Das macht das Thema für mich nicht ideologisch. Es macht es zutiefst persönlich.

Und ich denke auch gerade an meine Mutter, die für meine Selbstbestimmung und Selbstständigkeit gekämpft hat, auf ihre eigene Weise, in ihrer eigenen Zeit, mit ihren eigenen Möglichkeiten. Auch ihr verdanke ich etwas, das ich nicht vollständig in Worte fassen kann.

 

Was Feminismus wirklich bedeutet

Feminismus bedeutet, für eine Welt einzustehen, in der Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können, unabhängig davon, welches Geschlecht sie haben oder wie sie sich identifizieren.

Starre Rollenbilder haben nicht nur Frauen beschädigt. Sie haben auch Männern beigebracht, ihr Inneres zu unterdrücken, Schwäche zu verbergen, Gefühle wegzusperren. Sie haben Menschen aller Identitäten in Rollen gepresst, die nie hinterfragt wurden und die Frage, wer man wirklich ist, als gefährlich oder unangebracht abgetan.

Ich arbeite mit Frauen, weil das meine Spezialisierung ist und weil ich mich selbst als eine Frau identifiziere. Aber das Leid, das aus diesen Strukturen entsteht, kennt kein Geschlecht.

 

 

Geschlechtergerechtigkeit heißt, Unterschiede ehrlich zu benennen

Wir alle tragen diese Prägungen. Wir alle leiden darunter, auf unterschiedliche Weise, in unterschiedlichem Ausmaß, mit unterschiedlicher Sichtbarkeit und mit unterschiedlichen Konsequenzen. Gerade diesen Unterschied der Konsequenzen möchte ich allerdings hervorheben, denn wir dürfen ihn nicht verwischen.

Frauen und queere Personen tragen bis heute statistisch das deutlich höhere Risiko, Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt zu werden. Sie erleben häufiger sexuelle Übergriffe, Erniedrigung, Demütigung, Partnerschaftsgewalt und geschlechtsspezifische Tötungen durch Männer. Männer wiederum sterben deutlich häufiger durch Suizid, tragen ein höheres Risiko, mit psychischen Krisen allein zu bleiben und leiden oft unter der Erwartung, Stärke, Kontrolle und Unverletzlichkeit zeigen zu müssen.

Beides verweist auf ein starres gesellschaftliches System, das Menschen vorschreibt, wie sie aufgrund ihres Geschlechts zu sein haben. Beides verlangt Aufmerksamkeit.

Wir müssen nicht gegeneinander aufrechnen, wer mehr leidet. Aber wir sollten ehrlich genug sein, die Unterschiede zu benennen. Denn echte Geschlechtergerechtigkeit bedeutet nicht, dass sich Leid gleich verteilt. Und genau deshalb braucht es einen Feminismus, der Frauen und queere Personen systematisch schützt, gleichzeitig, ohne deshalb Männer aus dem Blick zu verlieren.

Lasst uns den mutigen Menschen auf dieser Welt danken, die sich für Frauenrechte, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung einsetzen. Den Frauen, die dafür kämpfen und dabei oft ihr Leben riskieren. Und den Menschen, die sich nicht als Frau identifizieren und sich dennoch mutig als Feminist_innen bezeichnen und für das Gute kämpfen.

Frauenrechte sind heute keine Selbstverständlichkeit

Und jetzt möchte ich mit dir innehalten.

Während ich diesen Text schreibe, gibt es Frauen, die ihre Wohnung nicht allein verlassen dürfen. Mädchen, die nicht mehr zur Schule gehen dürfen, weil ein Regime entschieden hat, dass weibliche Bildung eine Bedrohung ist. Frauen, deren Stimme in der Öffentlichkeit buchstäblich nicht gehört werden darf, nicht singend, nicht sprechend, nicht rufend. Frauen, die in Haft, Zuhause und auf der Straße erniedrigt und misshandelt werden. Frauen, die als Gebärmaschinen gehalten werden. Kleine Mädchen, die ab dem Moment der Fruchtbarkeit mit älteren Männern zwangsverheiratet werden.

In Afghanistan hat sich seit der Taliban-Machtübernahme im August 2021 die Lage für Frauen und Mädchen in einem Ausmaß verschlechtert, das sich kaum in Worte fassen lässt. Ich denke, wir alle dürfen und sollten die Parallelen zu der Serie „The Handmaid’s Tale“ ernst nehmen und uns überlegen, was wir tun können.

Fast 8 von 10 jungen Frauen sind heute von Bildung, Arbeit und Ausbildung ausgeschlossen. Ein Gesetz aus dem August 2024 verpflichtet Frauen zur vollständigen Verschleierung in der Öffentlichkeit, ihre Stimme gilt offiziell als intim und darf nicht mehr öffentlich gehört werden. Das sind keine vergangenen Zeiten. Das ist die Gegenwart von Frauen, die dieselben Träume haben.

Manchmal frage ich mich: Was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich dort geboren worden wäre?

 

 

Eine Haltung, keine Ideologie

Allein dieser Gedanke erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Mit Hilflosigkeit und Kampfgeist. Mit einer Erschütterung, die ich nicht wegdenken will, weil sie mich erinnert, warum das alles wichtig ist. Warum Feminismus kein Luxus ist und keine Ideologie ist. Sondern eine Haltung. Eine Entscheidung. Eine Verantwortung.

In Dankbarkeit und tiefer Demut Deine Nikola

Fazit
Ich sende meine Kraft und Energie zu all den Frauen, die sich an Orten der Unterdrückung und Demütigung befinden. Und ich verneige mich vor denen, die trotzdem kämpfen, leise, verdeckt, ungesehen, unermüdlich. Keinesfalls gleichgültig.
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Nikola Kattner
Pädagogin, Breathwork-Trainerin, Sportwissenschaftlerin
29. September 2026 Min. Lesezeit
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